Thema Work-Life-Balance im Steuerberater-Markt

1. Das Thema Work-Life-Balance ist in der Wirtschaft, besonders bei der Besetzung von Top-Jobs, längst zu einem ausschlaggebenden Kriterium für Führungskräfte geworden. Wie kommt es, dass das Thema erst jetzt in das öffentliche Bewusstsein der Steuerberater gerückt ist? (Tabu)

Das Thema WLB tangiert nichtmaterielle Themen, führt somit in eine neue, nicht vertraute Dimension und ist, wie alles Neue, zunächst mit Unsicherheit verbunden, die aus der Infragestellung des Bisherigen, genauer des bisherigen Einseitigen, bisherigen Unzureichenden resultiert. Die Konfrontation mit dieser Schwelle bringt unweigerlich in Kontakt mit Unwissenheit, Mangel an weiterführenden Lösungen, Scham. Aus diesem Dilemma heraus kam es zu einer Tabuisierung bzw. Stagnation.

Was heißt das?

WLB enthält, neben dem vertrauten Element des „work“ (für den Steuerberater gewissenhafte Pflichterfüllung), das Element „life“ (für den Steuerberater Freizeit/Nichtstun) und somit für den StB ein Widerspruch in sich, WLB ist aber als ganzheitlicher Gedanke zu sehn, der die physische Welt, die bisher einseitig im Fokus des Erstrebenswerten stand, überschreitet und auch nur individuell erschlossen werden kann. Dazu braucht es aber eine Klarheit über die wesentliche Sinngebung im eigenen Leben, über jene tragenden Werte, die persönlich erfüllend, aber nicht physischer Art sind, sondern vielmehr immateriell, ideell, auch spirituell, wie etwa Freude, Zugehörigkeit, Freundschaft, Liebe. Das aber hatte anfänglich alles einen stark esoterischen, entwerteten und abgelehnten Touch. Der Steuerberater gibt sich modern, innovativ, was seine Kanzlei angeht, was ihn selbst und sein Leben betrifft, eher weniger.

 

2. Es fällt auf, dass die Diskussion um Work-Life-Balance sich vornehmlich auf das Thema Vereinbarkeit von Frauen, Beruf und Kindern fokussiert. Woran liegt das? (Männertabu)

 

Männer sind stärker gefährdet, sich mit einseitiger Stärke zu identifizieren und daraus Selbstwert zu beziehen. Weiche Faktoren wie tiefe Erfüllung im Vergleich zu leuchtendem Erfolg, heitere Freude im Unterschied zu sensationellem Vergnügen, Aufgehobensein in dem was ich habe in Ergänzung zum puren Besitz – all das ist traditionell eher etwas für Schwächlinge, als für harte Kerle, die etwas leisten können.

Frauen sind von Natur aus, in ihrer Ursprünglichkeit, vor solcher Einseitigkeit eher geschützt, sind sie doch z. B. Kindern, als Träger eines tieferen Sinns, der über das eigene Leben hinausreicht, näher. Sie kennen die ganzheitlichen Naturgesetze, etwa die Rhythmen des Lebens, denen Frau ausgeliefert ist, (monatliche Zyklen durch Menstruation, Lebenszyklen durch Menopause etc.) und haben sie stärker im (Körper-)Bewusstsein. Sie sind mit dem Gegenpol des einseitigen Machens durch die alltäglichen Erfahrungen des Geschehenlassenmüssens vertrauter, es geht gar nicht, als Frau zu leben und diese Seite des Seins nicht integriert zu haben bzw. konsequent zu ignorieren. Frauen haben einen Sinn (!) dafür, dass die nicht leistungsabhängige Wertschätzung auch ein wesentliches Element für gelingende Identität, positiven Selbstwert, Zufriedenheit und ein insgesamt gelingendes Leben ist.

Kommt „life“ dazu, ist „work“ nicht mehr dasselbe wie vorher, es lässt sich nicht mehr wie vorher aufrecht erhalten und die Umstellung bedeutet Kosten. Vorher mag das eine Körpersymptomatik ausgeglichen haben, aber gerade Männer nehmen körperliche Warnsignale zu spät ernst. Alles was für Schwächlinge … Es geht an die Ehre und an die bisherige Art des Erfolgs – der früher nur mit einer Frau im Hintergrund zu erreichen war …

 

3. Was muss Ihrer Meinung nach passieren, damit das Thema Work-Life-Balance zum festen Bestandteil der Karriereplanung von Steuerberatern wird und von den Kanzleien mit ernsthaften Maßnahmen gefördert wird und nicht ein reines Lippenbekenntniss bleibt? (Förderung als Steuerung von staatlicher Seite)

 

Die Balance als (Lebens-)Notwendigkeit zu erkennen erfordert, wie jede Umkehr, (zunächst) Opfer besonders finanzieller Art. Im ganzheitlichen Sinne wäre das alte System nicht mehr aufrechtzuerhalten, sprich zu finanzieren. Hier ist der Staat gefragt, der sich aus der Rolle des Erhalters der alten Werte zurückziehen könnte, den Weg frei zu machen für innovativere, zukunftsgemäßere Konzepte. Der Staat ist es, der die Rolle des wirtschaftspolitischen Rahmensetzers inne hat und auch weiterhin in seiner Verantwortung agieren muss – nur im Sinne (!) von mehr Ausgeglichenheit, Gesundheit, Zukunft.

Maßnahmen: Anerkennung der nichtmateriellen sog. intangiblen positiven Effekte und Neubewertung dieser bisher non-pekuniären sehr hilfreichen, förderlichen, zukunftsweisenden Werte. Wie viel ist es, in Geld ausgedrückt, wert, dass ich ausgeglichen, wach, motiviert, heiter, bereit, offen, hilfsbereit, gesund ernährt etc. zur Arbeit erscheine? Hier gilt es, Geld in die Hand zu nehmen für sinnvollere (Sinn fördernde) Dinge als bisher und verstärkt Akzente zu setzen in Richtung von mehr unterstützender Selbstfürsorge und Selbstbalance.

Entschleunigung am Arbeitsplatz kostet Geld, aber sicher nur ein Bruchteil von dem, was die kurative Konsequenz von Hetze, Dauerstress und Burnout eines Betroffenen kostet!

Im ersten Schritt einer Akzeptanz des gleichwertigen „work“ = „life“ beeindrucken publizistische Äußerungen des StB Dr. Detlev Berning, Hannover und eine Konfliktkostenstudie der WPG KPMG AG mit der Darstellung des Rationalisierungs- und Einsparpotentials der indirekten Konfliktkosten und verdeutlichen den Handlungsbedarf.

Eine gute Maßnahme und vielleicht ein zweiter Schritt könnte sein die Verbindung (Synthese)von „work“ mit „life“ durch eine „steuerlich begünstigte“ Gesundheitsförderung am Arbeitsplatz. Alte Menschen, Frauen, sinnorientierte Menschen usw. arbeiten anders als das auf Knappheit und stetige Verknappung ausgerichtete „schneller, höher, weiter“, wo nichts weiter zählt. Hier entfallen aber zunehmend jene tragenden Effekte, die bisher nicht im Bewusstsein und daher unterbewertet waren, nun aber sichtbar zu Buche schlagen.

Trendwenden können mit finanziellen Anreizen sehr gut erzielt werden. Denkbar sind Prämien (Förderung über Geld), Wettbewerbe (Förderung über Anerkennung und Ehre), Informationskampagnen zur Schaffung einer allgemein menschengemäßeren Kultur im Arbeits-Leben.