Was man lösen kann, soll man nicht durchschneiden!

Zugegeben: Wohl kaum jemand denkt bei dem Berufsbild „Steuerberater“ an etwas anderes als an „Steuererklärungen“, „Bilanzen“ und vielleicht noch „Buchhaltung“. Dabei sind die Tätigkeitsgebiete eines Steuerberaters heutzutage erheblich vielfältiger und umfangreicher.

Ein neues und wichtiges Arbeitsfeld ist die Mediation. Was das ist und wie hier ein Steuerberater vor allem für Unternehmer und Unternehmen tätig werden kann, darüber sprachen wir mit vier Oldenburger Steuerberatern, die sich zusammen mit 15 weiteren Steuerberatern in einem Pilotprojekt der Steuerberaterkammer Niedersachsen zum Wirtschaftsmediator weiter gebildet haben.

 

Frage: Was genau ist eigentlich Mediation?

StB:    Mediation ist eine Vermittlung zwischen zwei oder mehreren Personen oder Standpunkten, um Streit zu bereinigen oder latent vorhandene, vorhersehbare Konflikte gar nicht erst ausbrechen zu lassen.

 

Frage: Mediation ist also eine Art Schiedsgericht?

StB:     Nein – eben nicht. Bei einem Schiedsgericht hört sich der Schiedsrichter beide Positionen an und entscheidet dann in alleiniger Verantwortung. Das macht der Mediator nicht. Ein Mediator diktiert kein Ergebnis, sondern hilft allen Parteien, eine gemeinsame Lösung zu finden. Jeder kann sich ein verknotetes Seil vorstellen. Mediation ist die Technik, den Knoten Stückchen für Stückchen zu lösen.

Ein Mediator nimmt keinen Standpunkt ein. Er ist nicht parteilich – und darf es selbst dann nicht sein, wenn er sein Honorar von „nur“ einer Partei bekommt. Er ist allparteilich.

 

Frage: Dauert diese Art der Konfliktbereinigung nicht unter Umständen sehr lange

StB:    Sie haben Recht, das kann unter Umständen lange dauern, aber lange ist relativ und wenn man bedenkt wie lange der Konflikt schon andauert, kann es doch ein sehr kurzer Zeitraum sein. Wenn letztlich alle Beteiligten hinter der gemeinsam gefundenen Lösung stehen, dann ist genau diese Lösung auch für alle tragfähig.

Das ist übrigens auch der Vorteil der Mediation gegenüber der Gerichtsverhandlung. Ein Gerichtsverfahren birgt zeitlich und finanziell viel höhere Risiken für die Beteiligten. Außerdem sind in aller Regel die Parteien während oder nach einer juristischen Auseinandersetzung heillos zerstritten, das Vertrauensverhältnis ist zerstört oder zumindest nachhaltig gestört. Das Porzellan ist zerschlagen und kann meist nicht mehr gekittet werden. Es gibt also keine gemeinsame Zukunft.

 

Frage: Mediation wurde bisher fast nur aus dem Familienrecht bekannt, wenn es darum geht, Scheidungsfolgen für Kinder abzumildern. Aber Mediation in Steuersachen? Fehlt hier nur mir die Phantasie?

StB:    Das wäre sicherlich ein Wunschtraum vieler, sich mit dem Finanzamt oder dem Finanzgericht durch Mediation auf die Höhe der zu zahlenden Steuern zu einigen.

Aber ernsthaft: Dann wenn konkrete Gesetze – und das sind Steuergesetze nun mal, auch wenn sie Interpretationsspielräume zulassen – ein bestimmtes Verhalten fordern, ist kein Platz für Mediation. Nach unserer derzeitigen Rechtsordnung also wird sich das Berufsbild des Steuerberaters nicht dahingehend ändern, dass er als Mediator bei Streitigkeiten zwischen Finanzamt und Mandant auftritt. Im Gegenteil: Hier ist der Steuerberater, obwohl er natürlich selbst auch zur Gesetzestreue verpflichtet ist, ganz klar Interessensvertreter seines Mandanten.

 

Frage: Auf welchen Gebieten kann dann ausgerechnet ein Steuerberater als Mediator auftreten?

StB:    Auf allen Gebieten, die mit betrieblichen, unternehmerischen Interessen oder Konflikten zu tun haben.

Beispiel Unternehmensnachfolge: Hier kann ein Mediator ansetzen, die Interessenskonflikte zwischen Junior und dessen engerer Familie und Senior, Geschwistern usw. mit den Beteiligten zu lösen. Fragestellungen können sein die Altersversorgung des Seniors, Strangulation des Nachfolgers durch seiner Meinung nach überhöhte finanzielle Belastungen wegen der Altersvorsorge oder des Ausgleichs der Geschwister, weiteres Mitreden oder Nichtloslassen­können des Seniors, unklare Kompetenzabgrenzungen, ...

Weiteres Beispiel Scheidung von Unternehmer-Ehepaaren: Hier kann es auch überlebensnotwendig für den Betrieb sein, dass das Paar sich über das weitere Vorgehen einigt.

Beispiel Rating und Basel II: Zunehmend vergeben Banken Kredite nur noch nach einem ausgeprägten Rating. Die Höhe der Zinsen bestimmt sich nach der so genannten Kapitaldienstfähigkeit des Kreditsuchenden. Das ist alles einigermaßen emotionslos machbar, wenn es sich um neue Konstellationen handelt. Wenn jetzt aber bei bereits bestehenden Verbindungen die Kreditbedingungen verschärft werden sollen, geht das bei vielen Mittelstandsunternehmen an die Substanz. Entsprechend können sich Emotionen aufladen. Durch eine Mediation können beide Parteien zu einer einvernehmlichen Lösung kommen, die sowohl dem Kreditinstitut als auch dem Unternehmen zum Vorteil gereicht.

Es wird also versucht, eine Win-Win-Situation zu schaffen.

 

Frage: ... und warum auf diesen Gebieten ausgerechnet ein Steuerberater?

StB:    Weil gerade auf diesen Gebieten ein Mediator neben psychologischen und systemischen Kenntnissen, neben einem diplomatischen Kommunikationsverhalten vor allem wirtschaftliche und rechtliche Kenntnisse benötigt. Sonst nämlich könnte er die oft vielschichtigen Konfliktszenarien vielleicht auf kollektiver und persönlicher, nicht aber auf der sachlichen Ebene durchschauen. Wir Steuerberater sind von Berufswegen zur absoluten Verschwiegenheit verpflichtet und sind es gewohnt, zur Bewältigung von wirtschaftlichen Krisen erfolgsorientierte Ziele kreativ und praxisnah aufzuzeigen.

Gerade bei der Wirtschaftsmediation geht es oft um den Unternehmenswert, die Unternehmensnachfolge, um die Zukunftssicherung des Unternehmens, um die Produktpalette, die Konkurrenzsituation, den Markt, die Standorte, aber auch Rechts- und Steuerfolgen bestimmter Lösungen. Hier kann nur jemand vermitteln, der gelernt hat, in diesen Dimensionen zu denken und das Handwerkszeug hierzu beherrscht. Jahrelange Erfahrungen und eine lösungsorientierte Grundeinstellung befähigen gerade den Steuerberater zur effektiven Begleitung in schwierigen und komplexen Konfliktsituationen.

 

Frage: Wie hat ein Unternehmer die Gewähr, dass „sein“ Steuerberater das alles kann? Ist die Tätigkeit eines Mediators, der Zugang zum Beruf gesetzlich geregelt?

StB:    Nein. Der Zugang zur Tätigkeit des Mediators ist nicht gesetzlich geregelt. Es gibt private Bildungseinrichtungen, die Ausbildungen zum Wirtschaftsmediator anbieten. Eine staatlich anerkannte Prüfung ist derzeit in Deutschland nicht möglich.

Die Steuerberaterkammer Niedersachen, eine öffentlich-rechtliche Institution, die den Berufsstand in Niedersachen überwacht, bietet eine Weiterbildung für Steuerberater an. Damit hat der Mandant, der weiß, dass „sein“ Steuerberater an dieser Weiterbildung mit Erfolg teilgenommen hat, eine Sicherheit über die Qualität der Mediation.

Derzeit laufen auch Bemühungen der Steuerberaterkammer Niedersachsen, dass Steuerberater, die die entsprechende Weiterbildung absolviert haben – es handelt sich hier um 90 Stunden, die neben der normalen Arbeit bewältigt werden müssen – den Titel „Wirtschaftsmediator“ neben dem Titel „Steuerberater“ tragen dürfen. Derzeit kann nur ein Hinweis auf den Beratungsschwerpunkt Mediation gegeben werden.

 

Frage: Und wie erfährt der Unternehmer dann heute, der einen Steuerberater als Mediator gewinnen möchte, ob dieser das kann?

StB:    Ganz einfach: fragen - und sich die Teilnahmebestätigung zeigen lassen.

 

Frage: Woran erkennen Unternehmer, ob es sich bei dem Steuerberater um einen guten Mediator handelt?

StB:    Daran, wie er mit seinen Mandanten umgeht und, was auch z.B. einen guten Arzt oder Pastor auszeichnet, am Einfühlungsvermögen, an der Kunst zuzuhören, an Verständlichkeit, Ideenreichtum und Kreativität, am Engagement für die Sache und das besondere als Mediator an der Allparteilichkeit.

Aber auch daran, dass der Steuerberater ihm von vornherein klaren Wein einschenkt, was er als Mediator alles nicht darf. Beispielsweise Rechtsberatung, also Verträge für die gefundenen Lösungen formulieren. Das würde gegen das Rechtsberatungsgesetz verstoßen und ist folglich unzulässig.

Einen verantwortungsbewussten Steuerberater erkennt der Mandant auch daran, dass er ihn über mögliche Haftungsabsicherungen aufklärt. Ein Steuerberater muss eine Haftpflichtversicherung abgeschlossen haben. Der Mandant sollte sich aber erkundigen, ob der Steuerberater auch seine Tätigkeit als Mediator mit in die Haftpflichtversicherung aufgenommen hat und wenn ja, mit welcher Summe.

 

Frage: Was kostet Mediation?

StB:    Das kommt darauf an. Nämlich darauf, wie der Auftrag ausgestaltet ist. Hat der Berater beispielsweise lediglich und ausschließlich die Aufgabe, bei einem Anfangsgespräch mit dabei zu sein, wird dies sicherlich mit einem Stundenhonorar abzugelten sein. Wie hoch das Stundenhonorar ist, ist Verhandlungssache.

Muss dagegen beispielsweise das Unternehmen bewertet werden oder müssen Unternehmensdaten wirtschaftlich ausgewertet werden, muss das Honorar entsprechend vereinbart werden.

Die SteuerberaterVergütungsverordnung gilt für die Mediation nicht. Erste Untersuchungsergebnisse haben gezeigt, dass die Mediation gegenüber den Kosten eines Gerichtsverfahrens und den Anwaltskosten zu einer Kostenersparnis von 50 % in der 1. Instanz und von 75 % in der 2. Instanz führt.

 

Frage: Bei der Suche nach einem guten Mediator – wohin kann sich der Unternehmer wenden?

StB:    Nun – einmal hilft ganz bestimmt das Gespräch mit anderen „Leidensgenossen“, also z.B. anderen Unternehmern, über deren Erfahrungen. Leider, aber verständlicherweise kann mit erfolgreichen Mediationen selten geworben werden, da die Beteiligten ihren Konflikt nicht bekannt werden lassen wollen.

Bei den Steuerberaterkammern werden Adresslisten von Steuerberatern geführt, die sich für den Bereich Mediation qualifiziert haben. Dort werden aber keine Empfehlungen gegeben, weil die Kammer als öffentlich-rechtliche Organisation alle Steuerberater in ihrem Bezirk gleichermaßen vertreten muss.

Seit das früher geltende Werbungsverbot für Steuerberater mehr oder weniger weggefallen ist, lohnt sich auch ein Blick z. B. in die Zeitung, die Gelben Seiten oder ins Internet. Dort sind viele Steuerberater auch bereits mit einer eigenen Homepage vertreten.

Wer schon einen oder mehrere bestimmte Berater im Auge hat, der kann sich von diesen Beratern auch deren Praxisbroschüre zusenden lassen oder das Beratungsangebot und die Praxisstruktur sowie die Beratungsschwerpunkte genau erklären lassen. Das geht auch in einem ersten Gespräch – dann kann man sich gleich ein Bild von der „Person Steuerberater“ machen.

Wer einen – örtlich, themenmäßig oder sprachlich – spezialisierten Steuerberater sucht, kann dies auch über das Internet:

Für Niedersachsen und Sachsen-Anhalt steht eine Mediatorenliste unter „Wirtschaftsmediation“ auf der Homepage
http://www.steuerberater-verband.de/